Der Aufruf Jesu, die natürliche Liebe zu Eltern, Kindern und Familie zurückzustellen, erscheint mir befremdlich.
Die Anweisung, sein Kreuz auf sich zu nehmen und sich durch gerechte Taten den Himmel zu verdienen, hört sich fanatisch, fast fundamentalistisch an: eine exklusive Handlungsanweisung für wenige Auserwählte.
Das passt gar nicht zu Jesus, der mit Konventionen bricht, der immer von Barmherzigkeit spricht und von Zwängen im Glauben befreien will.
Es ist nur deswegen kein Widerspruch, weil es sich hier nicht um eine Handlungsempfehlung für den Alltag handelt, sondern für die Situation der Verfolgung: ein gedankliches Training für das, was da kommen wird nach Jesu Tod.
Die Jünger werden in diesem 10. Kapitel bei Matthäus in die Mission geschickt, sie werden „unter die Wölfe“ gesandt - das ist kein Auftrag für jemanden, der nur irgendwie und irgendwo unbemerkt leben will.
Das braucht Entschiedenheit und Unabhängigkeit, dass braucht die Kraft, ein Kreuz auf sich zu nehmen, nicht eins, das man sich sucht, sondern dem man begegnet, dem man nicht ausweichen kann oder will, weil man sich seiner Mission bewusst ist.
Das erinnert mich an Comboni-Patres, die in Uganda oder Sudan während des Bürgerkrieges blieben, weil sie hier den Verfolgten und Entmündigten, dem einfachen Volk beistehen und Hoffnung geben wollten: an Pater Gregor, der mit seinen Gemeinden seit fünf Jahren im überschwemmten Südsudan aushält. An Pater Youhanna Al-Amin, der kürzlich in den Nuba-Bergen mit seinem Lagerverwalter und dem Hausmeister zusammen hingerichtet wurde, weil sie bei der „Sudanesischen Volksbefreiungsfront“ den Diebstahl ihrer Medikamente aus dem Gesundheitszentrum meldeten und es nicht einfach aufgeben wollten.
Laut Weltverfolgungsindex haben wir zurzeit die größte Christenverfolgung aller Zeiten. In 50 Ländern werden 388 Millionen Christen aktiv und stark verfolgt.
Unsere Aufgabe ist es, uns mit Nachdruck für deren Rechte einzusetzen und zu beten, dass ihnen Kraft zufließt und sie „ihren gerechten Lohn“ erhalten.
Ihr Diakon Ulrich Wiechers