Wie kann ich eigentlich Dankbarkeit finden und leben?
Das Prinzip des “Positives Denkens” und der “selbsterfüllenden Prophezeiungen” kenne ich aus dem Studium und der Therapieausbildung. Wenn ich mich nur genügend fokussiere auf das Gute und Schöne, klare Ziele habe und sie konsequent in kleinen Schritten verfolge, dann bin nicht nur erfolgreich, sondern “habe” ich auch glücklich und dankbar zu sein. "Soweit die Theorie und die moralische Keule für den braven Christen", kommt mir in den Sinn.
Aber das Leben ist doch manchmal anders: Auch wenn ich immer mein Bestes gebe, bin ich nicht immer erfolgreich. Und selbst wenn ich erfolgreich bin, muss ich nicht glücklich sein und immer alles positiv sehen, da hilft kein verinnerlichtes positives Denken. Und auch das passende optimistische Naturell stößt gelegentlich an seine Grenzen.
All diese Gedanken beschäftigten mich, als ich zu einem Geburtstagsbesuch aufbreche.
Ich werde freundlich empfangen und höre interessiert die Lebensgeschichten des 80-jährigen Jubilars. Er erzählt mir von seinen aufregenden und vielfältigen Berufsreisen. Doch er spricht nicht von den guten alten Zeiten und den schlechten heutigen Zeiten. Weit gefehlt: er erzählt mir von den guten Zeiten in seinem Leben und was er alles bis heute überlebt hat.
Dass er bei allem immer wieder Glück hatte, dass er immer noch lebt und sogar einmal wieder ins Leben zurückgeholt wurde. Dass er dankbar für seine Partnerin ist, weil sie sich aufeinander verlassen können, beide sich ergänzen und so in ihrer Wohnung leben können, bei all ihren Einschränkungen. Er weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, noch zu leben und so ist er dankbar für das, was noch auf ihn wartet.
Diese Lebensreife und dieser Lebensdank beeindrucken mich. Er hat es gelernt, sich immer wieder bewusst zu machen, die wertvoll und schön das Leben ist, trotz allem. Sich bewusst zu machen, was er dem mittragenden Gott und allen möglichen lieben Menschen verdankt.
Ja genau, das ist Erntedank. Danke sagen für Gott und die, die einem zur Seite stehen. Mit Wohlwollen auf das eigene Leben zu schauen und sich zu sagen: das Glas ist nicht halbleer, sondern es ist halbvoll. Hoffnung zu schöpfen und ab und zu zu sagen: „Gott sei Dank!“
Ihr Diakon Ulrich Wiechers
Dankbarkeitsübung: ein Gebet von Susanne Gaisch “Offene Gruppe” in Stein - zum Einstieg beim Waldspaziergang.