Unser kleiner Nachbarsbub steht am Zaun und ruft lauthals “Bibo, Bibo!” - er versucht, den Kater der Familie zur Rückkehr zu bewegen, der sich vor seinen stürmischen Zärtlichkeiten in unseren Garten geflüchtet hat. - Das bringt mich zum Nachdenken: Wie würde man eigentlich jemanden ansprechen können, wenn man keinen Namen wüsste?
Lehrkräfte kennen das Problem am Schuljahresbeginn. Da hat man noch nicht alle Namen parat. Wenn die Lehrkraft ihre Schüler/innen in nicht gezielt aufrufen kann, fühlen sie sich oft nicht angesprochen. Jemandes Namen zu wissen und ihn/sie damit zu rufen, bedeutet: Du, ich kenne dich und ich meine genau dich und niemanden anderen!
Im heutigen Evangelium ist uns ein eigenartiger Dialog zwischen Jesus und seinem Jünger Simon überliefert. Die beiden sind schon eine Zeit lang miteinander unterwegs. Sie haben einander kennen gelernt und stehen zueinander in Beziehung als Rabbi (Lehrer) und Schüler. Selbstverständlich weiß ein jeder den Namen des anderen und hat ihn schon oft bei diesem Namen gerufen. Heute aber bekommt ihre Beziehung eine neue Qualität: dem Simon geht auf, wer ihm da in Wirklichkeit gegenübersteht!
In dieser unruhigen Zeit wartet ganz Israel auf den Erlöser, der in den Schriften des Alten Bundes verheißen worden ist. Ich stelle mir vor, dass Simon seinen Rabbi Jesus genau beobachtet: wie er von Gott spricht, wie er in Wort und Tat Hoffnung bringt, wie er die Menschen zum Umdenken und Umkehren bringt, wie er sie in die Freiheit führt… Bringt die Speisung der 4000 für Simon das entscheidende Aha-Erlebnis? Oder sind es die vielen Krankenheilungen? Oder Jesu Unerschrockenheit im Umgang mit den religiösen Autoritäten?
Sicher macht sich Simon viele Gedanken und tauscht sich auch mit anderen Menschen darüber aus, sonst wüsste er deren Deutung nicht. Es wird die Summe der ganzen Erfahrungen sein, die Simon nach einem alten Hoheitstitel tasten lassen: einen solchen Menschen nennen die Propheten “Messias”, “Sohn des lebendigen Gottes”. Wie es wohl ihm zumute ist, als er Jesus mit diesem Namen nennt? Zittert er innerlich vor Anspannung oder ist er ganz ruhig und abgeklärt?
Simon trifft ins Schwarze, denn Jesus bestätigt seine Vermutung - und er bekommt seinerseits einen neuen Namen von Jesus: Petrus, der Fels. Was dieser Namen wohl bei Simon ausgelöst hat? - Und dazu noch der große Auftrag: Jesus traut dem Fischer Simon zu, dass er einmal ein Fels in der Brandung für die neu entstehende Bewegung wird. Denn einen neuen Namen gibt man nur dem, den man durch und durch kennt….
Mit welchem Namen würden Sie Jesus ansprechen?
Was haben Sie schon mit ihm erlebt?
Und wenn Sie in sich hinein lauschen:
Welcher Name kommt Ihnen von Jesus entgegen?